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Harald Hinsch

                                                                                                                        

                                                                                                                            

 

Hamburger Schulreform   –  Pisa    2010                                                           

 

Die Bildungspolitik in Deutschland ist ein einziges Fiasko.

In den 60er Jahren war die Devise der Konservativen – Muttern sorgt für Haushalt und Kinder, Vaddern schleppt die Kohlen ran. Staatliche Kindergärten, das heißt Fremderziehung,war gesellschaftlich verpönt. Sie wurden gleichgesetzt mit Sozialismus. Damit konnte man jahrzehntelang Leute erschrecken.

In den 70er Jahren war die Idee der Gesamtschule, später die Ganztagsschule, den gehobenen konservativen Kreisen ein Dorn im Auge.

Das dreistufige Schulmodell - Hauptschule, Realschule, Gymnasium - sicherte der bürgerlichen Elite bisher den Lernvorteil ihrer Kinder, deswegen soll es für ihre Kinder gegen die Schulreform auch so bleiben.

Nun ist der Reformversuch „ längeres gemeinsames Lernen“, die sechsjährige Primarschule, am Plebiszit gescheitert. Es bleibt bei der 4 jährigen Grundschule. Wieder waren es die elitären Kreise, die diese zaghafte Schulreform des Senats als Chance für die Unterprivilegierten durchkreuzten.

Dieses Festhalten an retardierten Schulstrukturen bringt uns nicht weiter. Längeres gemeinsames Lernen wie in Skandinavien, insbesondere Finnland mit 9 Jahren Grundschulzeit, sowie in den meisten europäischen Ländern, haben längeres gemeinsames Lernen als besseres pädagogisches Mittel erkannt und praktizieren es.

Norwegen macht sich besonders um die Förderung von Migrantenkindern verdient. Sie sichert ihnen gesetzlich die Alphabetisierung in der Muttersprache zu und erstreckt die Schulpflicht auf alle Kinder; auch jene, die sich im Kirchenasyl befinden.

Abhängig von Sprachkenntnissen des Schülers bietet man Fachunterricht sowohl nur in der Muttersprache, als auch bilingual oder auf Norwegisch.

Das Plebiszit, initiiert von Herrn W. Scheuerl, Mitglied des Elternrats am Gymnasium Hochrad, der den Schulreformprotest organisiert hatte, war aus seiner Sicht ein voller Erfolg.

Der Slogan: - Wir wollen lernen - (Wer will das nicht?)  klang so allgemeingültig, dass viele weniger privilegierte Eltern dieser Plattitüde glaubten, ohne sich mit den unterschiedlichen Inhalten auseinander zu setzen. 14 Tage später konnte man als Bestätigung lesen, dass selbst in den sozialen Randbezirken ein nicht geringer Teil der Bevölkerung sich gegen die sechsjährige Primarschule ausgesprochen hat. Das ist zu beklagen, denn gerade dieser Teil der Bevölkerung mit ihren Kindern würde davon profitieren.   

 

Während die Eltern aus den wohlhabenden Elbvororten, Rotherbaum, Eppendorf etc. mit  z.T. mehr als 50% Wahlbeteiligung zur Urne gingen, war es in den sozialen Brennpunkten wie in Billbrook nur jeder 8. Bürger.

Es zeigt sich hier, Durchschnittseinkommen und Wahlbeteiligung laufen fast parallel.

 

Kommentar „Tageszeitung“ Berlin:

Der Urnengang hat das hässliche Wort vom Gucci Protest bestätigt. Das Großbürgertum riegelt hinter sich ab. Das Hamburger Establishment hat ganz selbstbewusst entschieden, seine Kinder nur vier Jahre mit den „Bildungsverlierern zu belästigen.“

Für viele Kinder mit Migrationshintergrund einschl. der 240.000 Migranten, die in Hamburg ohne deutschen Pass leben, die nicht wählen dürfen, sowie Eltern aus prekären Verhältnissen in den Problemvierteln ist das Ergebnis eine Katastrophe, denn für dieses Klientel war die vom Senat initiierte Schulreform gedacht.

Somit sind wir weiterhin die letzte Bastion Europas, die von der OECD nachweislich als  „Benachteiligtes Schulsystem“ eingestuft wurde.                                                                          

 

Peter Lenzen, Erziehungswissenschaftler, Präsident der Hamburger Universität, schreibt im Hbg. Abendblatt (Juli 2010):

„Kinder sollen bereits mit vier oder fünf Jahren eingeschult werden. Längeres gemeinsames Lernen ist entscheidend für die Ausformung von Fähigkeiten, denn jeder vierte Schüler ist  z.Zt. nicht berufsfähig. Frühe Einschulung bei Kindern mit großem Förderbedarf ist notwendig, damit sie einen guten Einstieg bekommen. Migrantenkinder müssen bilingual gefördert werden, damit sie dem Unterricht überhaupt folgen können. Die Deutsche Bildungsmisere hat uns 90 verschiedene Schultypen beschert. Das hindert! Das ist  Kleinstaaterei ! Was uns fehlt, das ist ein professionelles Bildungswesen auf nationaler Ebene.“

 

Psychosozialer Aspekt

Es ist bezeichnend, dass das Establishment sofort die Initiative ergriff, die beschlossene Bildungsreform des Senats, einschl. der Linken, zu Fall zu bringen. Sie sahen ihre elitäre Vormachtstellung in Bedrängnis. Sie traten an, für die Festlegung des alten Schulsystems.

Herr Scheuerl mit seinem Anhang war dann auch sehr erfreut, wie er sich auszudrücken beliebte, das Reformprogramm gekippt zu haben.

Wie konnte es nun sein, dass sich die fortschrittliche Schulreform nicht durchgesetzt hatte ?

Es waren auch die Betroffenen aus den sozial benachteiligten Stadtteilen, die den Wahlausgang nicht nur beeinflusst, sondern durch ihre Passivität mitentschieden haben.

Es sind Menschen fernab des Wohlstands. Es sind Menschen, die „frei“ geworden sind in unserer freien Marktwirtschaft. Sie sind  frei von Arbeit. Sie werden nicht mehr gebraucht, sie haben keine neue Arbeit gefunden oder bekommen. Auch reichen ihre Fähigkeiten nicht immer aus, einen adäquaten Arbeitsplatz zu bekommen. Sie interessieren sich nicht mehr für gesellschaftliche Zusammenhänge, obwohl sie die Betroffenen sind. Resignation bis Apathie, Gleichgültigkeit und Unverständnis hat sich für sie herausgebildet, mit der Erkenntnis, in unserer Gesellschaft nicht mehr gebraucht zu werden.

Für demokratische Aufrufe, sowie Wahlen oder Volksbefragungen fehlt ihnen die Motivation sich damit auseinander zu setzen. Sie sehen für sich keinen Sinn mehr an gesellschaftlicher Teilhabe.

 

Die Pisa Studie Dezember 2010 zeigt nach nunmehr 10 Jahren, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg weiterhin besteht. Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien haben in der Schule noch immer schlechtere Chancen als ihre Mitschüler aus besser gestellten Familien. Die Pisa Forscher kommen zu dem Schluss: „Fördermaßnahmen vor dem Schuleintritt ergeben höchste Lernproduktivität, dass es sich auszahlt, Kinder möglichst spät zu „sortieren“. Je früher die Schüler in einem Land in verschiedene Bildungswege aufgeteilt würden, desto größer seien die Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen aus gut situierten und sozial benachteiligten Familien.“

 

    

      

 

 

 

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