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Ohlsdorfer Friedensfest 2022
 


                            

 

Zum diesjährigen Friedensfest begrüße ich Sie alle recht  herzlich.
Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich, dabei zu sein. 

Ich möchte euch erzählen, wie es mir als 6jähriges Kind ergangen ist,
als die Bomben auf uns niederprasselten. 
Es war das „Unternehmen Gomorrha“, eine militärische Aktion der
West-Alliierten Luftstreitkräfte gegen Nazi-Deutschland, in dem es Vergeltung übte, für das Leid, was der deutsche Faschismus anderen Völkern angetan hat. Es war die Zeit der schlimmsten Katastrophe,die Hamburg je erlebt hatte.
Doch zunächst zu meiner Person
Ich habe die Schule mit dem H-Schul-Abschluss 1952 verlassen und dann 1955 meine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker mit 17 Jahren beendet. Ich habe sehr früh eine Familie gegründet. Da langte das Geld nicht mehr. Auf dem Bau konnte man mehr verdienen.
So arbeitete ich von 1965-1985 als Hochbaumonteur, bis ich diese schwere körperliche Arbeit nicht mehr ausführen konnte. 
Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich von der Möglichkeit, bei der Jugendbehörde einzusteigen.-- Nach mehreren Ausbildungen auf dem 2.Bildungsweg arbeitete ich bis zu meiner Rente als Sozialpädagoge bei der Hamburger Jugendbehörde.

Meine Kindheit erlebte ich im roten Arbeiterviertel Barmbek.
Mein Stiefvater -  leiblicher Vater unbekannt - war aus politischen Gründen 1936 mehrere Monate im -Kolafu- inhaftiert.  Nach 1945 war er Mitglied der VVN. -

Und nun zu meinem Anliegen.
Als 6jähriger Junge erlebte ich 1943 das Unternehmen Gomorrha in Hamburg.
Die aus meiner frühen Kindheit traumatischen Erlebnisse kompensierte ich 2009 in meinem Buch :  „Roter Junge - ein Kriegskind in Hamburg „ ,
archiviert in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte - Hamburg. 
Die Aufarbeitung gab mir die Kraft, meine PTBS psychisch besser einzuordnen. Als Zeitzeuge gehe ich in Schulen, und mache Lesungen u.a. in Stadtteil-Bürgerhäusern.  
                                                                                                                   
Zu meinem Buch :             Unsere Straße -Juli 1943
Es war ein wunderbares Sommerwetter - Es ist Nacht.
Am Tage und in der Nacht waren Luftangriffe. Am Tage die Amerikaner, in der Nacht die Engländer. Stundenlang mussten wir im Bunker ausharren. Irgendwie war man immer auf der Flucht; Treppe runter, ab zum Bunker, Treppe rauf, ist noch alles heil ? Mein schönstes Spielzeug war mein Dreirad. Das war mein erster Blick dorthin, wenn wir wieder nach oben kamen. Wenn der fürchterliche Sirenenton ertönte, lief ich schnell zu meiner Mama und krallte mich an ihr fest. Sie hatte Mühe, Klaus und mich , sowie das kleine schwarz-gelbe Köfferchen eilends durch das Treppenhaus ins Freie zu bringen.
Wir wohnten im 3. Stock im Knickweg Nr.12. Ich fand unser Haus schön. Nach hinten war die Küche zum Hof. Vom Balkon guckte ich auf unsere kleine Straße. Sie machte nach noch nicht einmal 100 Metern einen Knick nach links, daher wohl auch der Straßenname, dachte ich. 
Nach meinem Verständnis müssten doch alle Straßen, die einen Knick haben,mit dieser Vorsilbe benannt werden. - Oder ? -  Das entsprach meiner kindlichen Logik. Nach weiteren 10 Häuserzeilen mündete unsere kleine Straße in die Gertigstraße und genau dort war der große Bunker.
Dort fanden wir beim Ertönen der Sirenen schnell Zuflucht.
Nach dem Aufheulen der Sirenen hörten wir nach kurzer Zeit bereits die ersten Einschläge. Es war ein tiefes Donnergrollen, das zunehmend lauter wurde. In diesem Getöse ging unser Angstgeschrei völlig unter. Wir rannten um unser Leben zum Bunker. Auf dem Weg dorthin hörten wir das immer lauter werdende Brummen der Bomber, das Bellen der Flak; vereinzelte oder auch serienweise Einschläge kamen immer näher. Die Blitze der näherkommenden Bombenexplosionen ergaben grelle, kurze weiße Lichter. Dazu bewegten sich die Scheinwerfer wie weiße Bleistifte, z.T. überkreuzend am ehemals nachtblauen Himmel. Tannenbäume standen am Himmel. Sie dienten den Fliegern als Zielmarkierung. Abgerollte Staniolrollen regneten glitzernd vom Himmel. Damit versuchten die Bomber, die deutsche Flugabwehr zu täuschen. DerLuftschutzwart vom Bunker sah uns noch kommen. Sind noch welche hinter euch? rief er. Wir wussten es nicht. Dann hebelte er die schweren Stahltüren zu. Wer jetzt noch kommt, muss draußen bleiben.
Im Bunker hatte jeder seinen Platz. Durch meterdicke Betonwände von der Außenwelt getrennt, vernahmen wir ein Tosen und Krachen. Der Koloss Bunker wackelte, als wenn ein Riese daran rüttelte. Das Licht ging aus, die Schreie aller wurden immer lauter. Endlich ging das Notlicht an. Wir saßen eng aneinander geschmiegt. Klaus und ich versuchten in unsere Mutter hineinzukriechen Sie beruhigte und tröstete uns, 
indem sie ein Lied vor sich hin summte und uns bedächtig hin und her schaukelte; 
-- macht die Augen zu, es wird alles gut. -- 

Ja, wenn es denn so gewesen wäre, es wurde noch schlimmer. Die Außengeräusche wurden weniger. Der Luftschutzwart öffnete die schweren Stahltüren. Qualm und Aschenregen kam uns entgegen. Auf der anderen Straßenseite des Bunkers waren die Häuser heil geblieben, jedoch konnte ich über diese Häuser hinweg eine Feuerwand sehen. Unsere Mutter schrie -- unser Haus brennt! -- Das ist unser Haus!
Ich riss mich von ihr los und wollte in die andere Richtung laufen. 
„Mama, Mama, ich will da nicht hin, ich will nicht verbrennen!“ 

Angst macht sich frei durch Schreien. Ich schrie unentwegt auf dem Weg zu unserem Haus. Unsere Straße brannte. Fußweg und Sraße waren verschüttet. Menschen versuchten mit bloßen Händen in den Trümmern Brauchbares zu finden. Überall lag verbranntes, verbeultes oder zerstörtes Wohnungsinventar herum. Wir hatten uns Taschentücher vor dem Mund gehalten. Staub, Asche und Hitze machten das Atmen unerträglich. Halbe Stockwerke und Treppen, die ins Leere führten, waren zu sehen.
Aus den leeren Fensterhöhlen quollen Feuerbälle heraus.   
Plötzlich sahen wir auf unserer  rechten Straßenseite die Fassaden unserer Nachbarhäuser von Haus 8 und 10 in sich einstürzen.  - Alle Menschen, die sich in der Nähe der Fassaden aufhielten, gab es nicht mehr, sie waren verschüttet.  
So muss es sein, wenn die Erde sich auftut, und uns alle verschlingt.

Nach einem neuen Angriff 
Links und rechts an qualmenden Ruinen entlang, an Häusern, die bereits am Vortag zerstört waren, über Trümmerberge stolpernd, liefen wir weiter zu unserem Haus.Es gab dort keine intakten Stockwerke mehr dort. Die rechte Seite unseres Hauses war vom Dachstuhl bis zum Erdgeschoss weggerissen, nur die Fassade stand noch. Halbe, z.T. noch brennende Zimmer mit Möbeln waren zu sehen. Feuerqualm und Schuttstaub verschlugen uns den Atem.
                                                                                                                    
Wir wurden in den Eingang Nr.17 des gegenüberliegenden Hauses gedrängt, das war unser Glück. Wir konnten unser Haus nicht mehr sehen, aber hören. Mit einem dumpfen, alles übertönenden Knall, stürzte die noch verbliebene Fassade unseres Hauses in voller Länge über die Straße bis zu dem Hauseingang, wo wir alle dichtgdrängt Zuflucht fanden. 
--Von unserem Haus stand nun nichts mehr ! -- 
Der Schuttstaub presste sich wie eine Explosions Druckwelle auf unsere Körper. Es war die Hölle. Wir waren jetzt im Hauseingang eingesperrt.
Meterhoher Schutt versperrte den Hauseingang.
Frau Wilkens im 1.Stock führte uns durch ihre Wohnung zu ihrem zur 
Straße führenden Balkon. Wir stiegen nacheinander über Leitern hinunter.
Zugedeckte Menschen wurden auf Bahren an uns vorbeigetragen. 
Nun standen wir auf dem Schuttberg unseres Hauses. - - 
Außer dem schwarz gelben Köfferchen hatten wir nichts mehr, - - Nichts. - 

Zum Abschluss noch ein Wort von Wolfgang Borchert, 
dem zu früh verstorbenen Hamburger Schriftsteller -

Er schrieb 1946 das Drama - Draußen vor der Tür  -   
                                 
Nachts schlafen die Ratten doch

Ein neunjähriger Junge hält Wache auf einem Trümmergrundstück. :

Unser Haus hat eine Bombe abgekriegt.

Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. 

Auf einmal war das Licht weg im Keller. -  Und er auch. -

Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich, - erst Vier.

Er muss ja noch hier sein. - Ich muss aufpassen, wegen der Ratten.

Die essen doch von den Toten - von Menschen, - da leben sie doch von.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 09.05. hatten wir Besuch von Herrn Harald Hinsch. Dieser hatte den Bombenangriff auf Hamburg im Jahre 1943 als 6jähriger erlebt.

Herr Hinsch hat sich dieses Kindheitstrauma im Buch „Roter Junge“ von der Seele geschrieben und war in der Vergangenheit immer wieder in Schulen zu Gast.

Nun waren wir an der Reihe. Zuhörer*innen wären die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 9.

Diese hörten konzentriert zu, als unser Zeitzeuge viel vom Schrecken des Krieges besonders für Kinder berichtete. Besonders schön war, als Herr Hinsch Passagen seines Buches von Schüler*innen vorlesen lies. Dieses bezog die Zuhörer*innen umso stärker mit ein.

Herr Hinsch ging auch auf die aktuellen Konflikte ein und warnte eindringlich, da er ja selbst solches erlebt hatte.

Nach 90 Minuten wurde unser Zeitzeuge mit Applaus verschiedet.

Unser Dank gilt Herrn Hinsch für seinen eindrucksvollen Vortrag, den Kolleg*innen des Jahrgangs 9 für die Unterstützung und auch den Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 9 für ihre konzentrierte Aufmerksamkeit.

Wir hoffen auf ein Wiedersehen.

Jan-Peter Mehlhop

Mein Schulbesuch in der Stadtteilschule Helmuth Hübener am 09. Mai 2023

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